Dokumentatiion: "Alphabetisierung in Hessen stärken!“
Tagung am 10.09.2012

Die Veranstaltung „Schluss mit dem Tabu - Alphabetisierung in Hessen stärken!“ fand am 10. September 2012, im Haus am Dom in Frankfurt statt.

Die über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer setzten sich zusammen aus Vertreter/innen von Kommunen, Unternehmen, Schulen, der regionalen Agentur für Arbeit sowie weiteren Expert/innen aus Volkshochschulen und der Erwachsenenbildung. Neben Umfang und Ursachen von Analphabetismus ging es vor allem um eine Sensibilisierung für die Problematik und eine professionelle Begleitung der Betroffenen im Rahmen regionaler Netzwerke.













Im Folgenden einige Auszüge aus den Grußworten und Vorträgen:
 „Ich habe sehr großen Respekt vor Menschen, die sich dazu bekennen, nur schwer oder gar nicht lesen und schreiben zu können. Es gehört viel Mut dazu, denn die Angst vor Stigmatisierung ist leider nicht unbegründet. Die heutige Tagung wird  - davon bin ich überzeugt - dazu beitragen diese Menschen zu stärken, Vorurteile abzubauen und Tabus aufzulösen.“, begrüßte die Landrätin des Landkreises Gießen, Anita Schneider, die Teilnehmer/innen zu beginn der Veranstaltung.

Rede Anita Schneider, Landrätin Landkreis Gießen (ca. 21 KB)

„Es ist nie zu spät, Lesen und Schreiben zu lernen“ so der Staatssekretär im Hessischen Kultusministerium, Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz in seinem Grußwort. „Wer als Erwachsener den entscheidenden Schritt zum Lesen wagt, eröffnet sich große Chancen und verbessert seine Position auf dem Arbeitsmarkt um ein Vielfaches“, sagte Lorz.
„Wir müssen von der „Alphabetisierung“ zur „Grundbildung“ kommen, so wie es die Nationale Strategie vorsieht. Erwachsene Menschen gehen selten zum Schreibkurs, aber sie würden vielleicht gern pfiffiger mit Geld umgehen, ihr Englisch aufpolieren oder verstehen, ob Verwandte eine Patientenverfügung unterschreiben sollen oder besser nicht. Diese Bereiche gehören zur Grundbildung und werden eher angenommen als der bloße Schreibkurs.“, ergänzte Prof. Dr. Anke Grotlüschen, Universität Hamburg, Autorin der leo-Studie, in ihrem Vortrag.

Präsentation der leo-Studie (ca. 3 MB)

 




Christoph Köck, stellvertretender Direktor des Hessischen Volkshochschulverbandes, wies darauf hin, dass „in Hessen die 32 Volkshochschulen mehr als 90 % des landesweiten Angebotes an Alphabetisierungskursen abdecken. 2011 wurden beispielsweise 350 Kurse für Erwachsene angeboten, an denen 3.100 Personen teilgenommen haben. Das reicht bei weitem nicht aus. Bei etwa 550 000 funktionalen Analphabeten in Hessen müssen zusätzliche Grundbildungsangebote flächendeckend wohnort- und arbeitsplatznah zur Verfügung gestellt werden. Dazu brauchen wir die Unterstützung des Landes, der Kommunen und der jeweiligen regionalen Partner“. Unser Nachbarland Rheinland-Pfalz ist bereits relativ großzügig, wenn es 220.000 Euro etatisiert, Hessen hinkt, wie so häufig in der Erwachsenenbildung, mit etwa 100.000 Euro anderen Ländern hinterher“.
„Die Weltalphabetisierungsdekade neigt sich dem Ende zu. Ihr Ziel war es, die Analphabetenrate im Zeitraum von 2003 bis 2012 um die Hälfte zu reduzieren. Betroffene in Deutschland und in ganz Europa fordern hinsichtlich der unzureichenden Erfolge, mehr Initiative seitens Politik und Wirtschaft und ein Ende des Stigmas, das dem Thema noch immer einhergeht“, ergänzte Tim-Thilo Fellmer, ein sog. Lerner-Experte. Er hat erst im Erwachsenenalter richtig Lesen und Schreiben gelernt, besitzt heute als Buchautor einen eigenen Verlag und macht sich als Botschafter für Alphabetisierung seit Jahren in der Öffentlichkeit für das Thema stark.
Auswertung der Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen
Am Nachmittag hatten die Teilnehmer/innen Gelegenheit, im Café der Regionen Ideen zu sammeln und erste Schritte der Umsetzung zu planen.

Fragen zum Café der Regionen
1. Bestandsaufnahme:
     Was gibt es bereits?
     Welche Herausforderungen gibt es in unserer Region?
     Welche Erfolge haben wir bereits?
     Gibt es Tabus?

2. Ideen/Visionen
     Was könnten/sollten wir machen?

3. Konkret:
     Wie können wir einige Ideen umsetzen?
     Was benötigen wir dafür?

Die Auswertung der Ergebnisse aus den drei regionalen Arbeitsgruppen Süd, Rhein-Main und Mitte/Nord ergab folgendes Resultat:
  • Die chronologische Auflistung der Aktivitäten im Alphabetisierungsbereich von 1981 bis 2012 macht deutlich, dass 
- die Handlungsbedarfe seit Jahren bekannt sind;
- Lobbyarbeit und finanzielle Förderung nach wie vor unzureichend sind. Dadurch bleibt die Teilnehmer-Akquise und die Entwicklung der notwendigen Infrastruktur (insbesondere in ländlichen Regionen) schwierig;
- im Rahmen von Forschungsprojekten auf Bundesebene viele Konzepte, Maßnahmen und „Produkte“ entwickelt wurden, aber wenig in die Fläche gebracht werden konnte.
    
  • Das Interesse am Thema Alphabetisierung und die Bereitstellung entsprechender Fördermittel schwanken seit 30 Jahren, ohne dass tatsächliche Fortschritte erkennbar wären. Dies verdeutlicht eine Aussage der Arbeitsgruppe Süd:

1981: 4 Millionen funktionale Analphabeten (geschätzt), kostenlose Kurse in Rüsselsheim

2011: 7,5 Millionen funktionale Analphabeten (tatsächlich), 20.000 Kursteilnehmer bundesweit, kostenpflichtige Kurse in Rüsselsheim

  • Aufgrund der ausgeprägten Heterogenität und der häufig komplexen Problemsituation der Kursteilnehmer/innen erscheint eine didaktisch-methodische und (sozial)pädagogische Professionalisierung des Begleitungspersonals  notwendig.

  • Blended learning-Kurskonzepte sind zu entwickeln.

  • Nach wie vor sollte die Zusammenarbeit unterschiedlicher Institutionen und Organisationen im Rahmen regionaler Netzwerke intensiviert werden, um die Problematik differenziert und ganzheitlich bzw. systemisch analysieren und entsprechende für die Region spezifische Lösungen entwickeln zu können.
    
  • Der zurzeit wichtigste Kooperationspartner für die Volkshochschulen sind die Jobcenter. Vereine sollten in die Alphabetisierungsarbeit integriert werden. Aufgrund der demographischen Entwicklung sollten vor allem Unternehmen für die Problematik sensibilisiert und in gemeinsame Aktivitäten integriert werden. Hier gilt es, gezielt Kooperationen aufzubauen, um gemeinsam arbeitsplatznahe und berufsbegleitende Akquise- und Qualifizierungskonzepte zu erarbeiten.

  • Als Tabuthemen wurden genannt: Nachhaltigkeit, Verlässlichkeit und das Thema Analphabet/innen im Schulsystem und im Ausbildungsbereich.

Prozess
Neben dem klassischen Charakter der Tagung am Vormittag, besaß diese nachmittags ein partizipatives, kreatives und inklusives Format. Im Café der Regionen zeigten sich die Teilnehmer/innen äußerst engagiert und erarbeiteten beachtliche Ergebnisse für die kurze Zeit, die ihnen zur Verfügung stand und dafür, dass man/frau sich zum größten Teil nicht persönlich kannte. In Gestaltungsprozessen geht es neben der intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema auch um die Gestaltung und Emergenz neuer Optionen sowie deren Umsetzung und Kultivierung. Dies kann in den meisten Fällen erst nach der initialen Veranstaltung beginnen. Hierzu sind allerdings verbindliche Absprachen über weiteres Engagement, nächste Schritte und Verantwortlichkeiten dringend notwendig. Die Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen zeigen allerdings, dass auf die Frage nach der konkreten Umsetzung lediglich eine sehr vage Antwort mit „Finanzierung sicherstellen“ und „Öffentlichkeitsarbeit intensivieren“ aus nur einer Gruppe kam.

Trotz dieser  Einschränkung gab es bereits während der Tagung sehr positive Rückmeldung durch die Teilnehmer/innen, wie etwa „sehr lohnend“, „super Tagung“, „sehr kurzweilig“.

Weitere Dateien zum Download:

Regionale-Netzwerke Karsten Schneider (ca. 3 MB)

Dokumenation der Alpha-Tagung 10-09-2012 als pdf (ca. 196 KB)

Alpha-Tagung - Programm (ca. 2 MB)

 



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